Leseprobe: Kindspech

Schwester Theodora ist eine Dame im besten Alter und leistet in einem Kinderkrankenhaus Nachtdienst. Ihre Markenzeichen sind die tiefe, rauchige Stimme, sowie ihre Berliner Schnautze, die, obwohl oft ruppig, so doch kompetent und engagiert auf Kinder und Eltern wirkt. Die einsamen, nicht- enden-wollenden Nachtschichten haben Theodora im Lauf der Zeit zu Selbstgespächer verleitet, gerade so, als sitze ihr ein Interviewer gegenüber. Bereitwillig erteilt sie ihm Auskunft über das Klinikleben jenseits der Kulisse.

Kommentar:

Das Leiden auf einer Kinderstation alltäglich mitzuerleben mag manchen Bediensteten dazu verführt haben, sich seine eigene Philosophie über das Leben und Sterben zurecht zu schustern. ‚Tante‘ Theodora jedenfalls bleibt uns, keine Antwort darauf schuldig, wie weit sich man sich dabei rationaler Gefilde emtfremden kann.

Leseprobe:

„Sehen Sie? Das genau ist es, wofür ich kämpfe. Sich der Kinder wirklich und nachhaltig anzunehmen. Man muß sich eben auch mal drüber Gedanken machen, wie sie denn weiterleben sollen? Denn das Trauma lässt sie ja auch nach dem Koma ein Leben lang nicht mehr los! Wie sollen sie denn mit sowas leben? Besser sie würden erst gar nicht erwachen und wenn doch … jetzt stimmen Sie mir aber lieber auch mal zu, ja … wenn doch, dann ist es doch viel besser für sie, wenn sie gar nicht erst wieder ins Leben …“ (Wieder ertönt der Alarm)

‚Leo, warum bist du denn nicht im Koma?’
‚Tante? Der Schlauch macht mein Bett ganz nass.’
‚Welcher Schlauch?’
‚Na der mit dem Wasser, das in meinen Arm soll.’
‚Das macht aber nichts, Leo, hörst du?’
‚… und an meinem Arm läuft auch etwas so – so ganz warm runter.’
‚Leo, hörst du? Das soll so sein, ja? Das ist alles so wie es sein muß, damit du gesund wirst, ja? Alles Okidoki, ja? So und nun dreh dich wieder um.’
‚Tante?’
‚Jaaa-haah!!!’
‚Ich hab’ dich lieb.’
‚ – – – ’

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