Leseprobe: Schwarze Herzen

Eine junge Köhlertochter hat ein schweres Los. Ihr abgeschiedenes Leben beschränkt sich allein darauf, ihrem hartherzigen Vater von ihrem Bänkchen aus bei der Arbeit zuzusehen. Seit Kurzem aber ist all ihr Sinnen auf den ansehnlichen Schmiedsgesellen gerichtet, der ihr gar ein schwarzes Herzchen schenkte, als er Kohlen abholte. Als dann plötzlich der Vater bei der Arbeit umkommt, will die Tochter den Gesellen suchen gehen. Doch bald erweist sich der sie umgebende Wald als unendlich. So kehrt die Tochter voller Verdruss immer wieder heim. Eines Tages erbarmt sich dem armen Ding ein wüst plapperndes Eichhörnchen und will sie anleiten. Nur geht damit der Ärger erst richtig los.

Kommentar:

Ein ungezügelt-phantastisches Stück um die Themen unerfüllte Liebe, enttäuschte Hoffnung und mißbrauchtes Vertrauen. Mehr noch: Mit Eifer werden hier Genregrenzen übertreten und es entwickelt sich ein makabres Spiel, in dem Zeit, Ort und Figuren kräftig durchgewirbelt werden. Kein klassisches Märchen; mit Nachdruck nicht!

Leseprobe:

Das Eichhörnchen dachte lange angestrengt nach und fuhr sich dabei immer wieder verlegen über seine Ohren. Letztlich gab es, für seine forsche Art, reichlichst kleinlaut kund:
„O weh! Dann habe ich deiner damals wohl irrigerweise irrig unterrichtet, nicht so?“
„Wie meinst du das?“ fragte die Köhlerstochter nach.
„Daaann ….“ fuhr das Eichhörnchen mit ausholendem Gestus fort, „Jaaa, daaann ist … ich meine, mit einiger Wahrscheinlichkeit, deren Grundlagen selbiger Berechnung aufgrund der nunmehr eingetretenen märchenhaften Verhältnisse sich hier soeben erübrigt haben dürften – dann ist das hier – also, verwenden wir einfach mal näherungsweise den Begriff ‚vielleichtermaßen‘ – dann ist dies hier vielleichtermaßen näherungsweise doch ein … “
„Nun sag es doch endlich!“
„Ein Märchen.“, brachte es mit besorgter Miene hervor.
„Doch ein Märchen also?“
„Ein Märchen, wohl! Das sage ich.“
„Ja, aber … das habe ich doch schon immer gesagt! Schon deshalb, weil du ja sprechen kannst, nicht?“
„Also, wir fassen mal zusammen, was als solches wir haben:
Meiner jener, Eichhörnchen als solches, kann also sprechen – quod erat demonstrare.
Dein Vater, absurderweise lebender welcher, ist eine unsterbliche Brandleiche.
Der Wald ist, weil nicht Teil der wirklich wahren Wirklichkeit, wahrhaft und wirklich unendlich, und die im Duktus eines Märchens übliche, wegweisende und unterschwellig antriebige Nebenrolle ist mit wem zu besetzen? Na …? Sag‘ du es? Na, sag doch! Ist nun so schwer auch nicht …?“
„Mit dem Schmiedsgesellen?“ hoffte das arme Ding beitragen zu können.
„Herrgott! Neiiin, verflucht! Mit einem E i c h h ö r n c h e n !!!
Ein Eichhörnchen macht das! Wohl!“

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