Leseprobe: Sternkind

Ein junger Mann besucht nachts das Grab seines besten Freundes. Es hatte Zeit gebraucht, bevor er dazu bereit war. Das aber, was er seinem Freund zu sagen hätte, stand im Vornherein fest: Es sollte eine heftige Standpauke sein.

Kommentar:

Der Leser wird in dieser Geschichte als Schöffe genannter Anklage beiwohnen. Er wird mit der Zeit verstehen, welch‘ eigenartige Art von Freundschaft bestanden hatte und welches Motiv zum Tod des Angeklagten geführt hat. Den trauernden Freund aber wird er freisprechen. Zudem wird dem Leser eine besondere Ehre zuteil werden: Nicht der Freund – nein – der Leser allein wird den Abschiedsbrief des Verstorbenen lesen.

Leseprobe:

„Hast wohl glaubt, du ziehst da noch einmal die große Show ab, oder was? Du, da war fei keine große Show. Da war nix. Weißt, wieviel Leute wir waren auf der Beerdigung? Keine 10 Leute, da Pfarrer und die Sargträger mitgerechnet. Und der hat erst einen Schmarrn erzählt. Der unserige Pfarrer war er ja nicht; der war ja bloß ein Vertreter. Und ich habe mir dann das Gelaber anhören dürfen, ob ‚da nicht vielleicht auch die Freunde versagt hätten‘.
Ein Sünder bist du übrigens jetzt auch noch. Ja, da schaust, gell, aber weißt: ‚Wer sein göttlich Leben‘  … blöb, blöb, blöb…
Du ein Sünder, ha! Grad du, wo du in deinem Leben noch nie jemandem irgendetwas getan hast. Oder glaubst, in denen zwei Wochen, wo des jetzt her ist, hat irgendwer groß über dich geredet? Es hat dich ja kaum einer gekannt. Du warst immer bloß des Weisenkind aus … ach, irgendwoher.“

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